Freitag, 7. Dezember 2012

Dezember 2012 - Neuigkeiten aus dem Chodorkowski-Kommunikationszentrum



Dezember 2012


 

„Es ist Ihnen gelungen, einige sehr intelligente Menschen zu versammeln. Machen Sie etwas daraus!“
 – Michail Chodorkowski in einer Botschaft an den Koordinierungsrat der russischen Opposition, 29. November 2012
 


Chodorkowski sendet Botschaft an den Koordinierungsrat der russischen Opposition

Ende November wandte sich Michail Chodorkowski mit einer Nachricht an den Koordinierungsrat der russischen Opposition. Er bekräftigte noch einmal seine Sympathie für die Opposition, äußerte sich jedoch gleichzeitig besorgt angesichts von Streitigkeiten innerhalb des Koordinierungsrates sowie einzelner Aspekte seiner Ausrichtung. „Ich stand den Zielen, die sich die Organisatoren des Koordinierungsrates gesetzt haben, immer positiv gegenüber und tue das auch jetzt noch“, schrieb er. Er fügte jedoch hinzu, er sei „beunruhigt“ von Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Koordinierungsrates, die „die Grenzen einer respektvollen Debatte überschritten haben.

Darüber hinaus formulierte Chodorkowski sieben Ratschläge für den Koordinierungsrat. Dabei ging es unter anderem darum, wie wichtig öffentliche Demonstrationen sind, dass man sich realistische Ziele setzen muss und dass Slogans einfach, kurz und knapp sein müssen.

Slogans dürfen nicht die Form von Thesen in einer Doktorarbeit annehmen“, erklärte er. Zu Wladimir Putin sagte Chodorkowski: „Man kann mich schwerlich zu den Anhängern dieses Politikers zählen“, und fügte aber hinzu: „Man kann nicht die Tatsache ignorieren, dass er an der Macht ist. Das wäre, gelinde gesagt, weltfremd.“

Die Botschaft kann hier auf Russisch gelesen werden. Eine englische Übersetzung finden Sie hier

 

Forbes Russia interviewt Chodorkowski

In der Novemberausgabe sprach Forbes Russia mit Michail Chodorkowski über die Entscheidung von BP, seinen Anteil am russischen Joint-Venture TNK-BP zu verkaufen und stattdessen Großaktionär des mehrheitlich staatlichen Unternehmens Rosneft zu werden. Der Unternehmenswert von Rosneft umfasst hauptsächlich illegal erlangte Vermögenswerte, die Chodorkowskis früherem Unternehmen Yukos gehörten. Chodorkowski merkte an, dass der Chef von Rosneft „pseudo-legale Gewalt als vollkommen natürliches Mittel zur Lösung seiner Aufgaben betrachtet.“ Das verheißt nichts Gutes für BP, sollten in Zukunft einmal Probleme auftreten. Vor diesem Hintergrund sagte Chodorkowski: „Ich wünsche Herrn Dudley viel Glück. Er wird es brauchen.“

Allgemein danach gefragt, was er angesichts der brutalen Entwicklung des russischen Staatskapitalismus von BPs Entscheidung halte, sich mit Rosneft zu verbünden, sagte Chodorkowski: „Wenn Sie bei Themen wie Korruption, Umwelt und Menschenrechten usw. etwas ‚flexibler‘ sind, warum sollten Sie dann nicht ‚spielen‘?“

Das vollständige Interview steht hier auf Englisch zur Verfügung

 

US-Repräsentantenhaus und US Senat verabschieden Magnitski-Gesetz

Im vergangenen November verabschiedete das US-Repräsentantenhaus eine Gesetzesvorlage, die den „Sergei Magnitsky Rule of Law Accountability Act“ enthielt. Der Entwurf fand bei beiden Parteien breite Unterstützung. Am 6. Dezember nahm der Senat das Gesetz ebenfalls an.
 
Das nach dem in einem russischen Gefängnis zu Tode gekommenen Sergej Magnitski benannte Gesetz sieht die Einfrierung von Vermögen und Einreiseverbote für russische Beamte vor, die gegen die Menschenrechte verstoßen haben. Der Gesetzesentwurf erwähnt auch Chodorkowski und andere Opfer politischen Unrechts. Mit dem Magnitski-Gesetz sollen die schwerwiegendsten Verstöße gegen Menschenrechte vermieden oder geahndet werden, die in Russland geschehen sind, ohne dass die Täter dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
 
The New Republic veröffentlichte einen umfassenden Bericht über die Entstehung und Entwicklung dieser Gesetzesvorlage. Bill Browder, dem größten Befürworter, sei ein kleines Wunder gelungen: Er nutzte, „die Spannung zwischen dem Wunsch des Kongresses, bei Menschenrechten schnell und einfach Punkte zu sammeln, und einem Weißen Haus, das seine Außenpolitik gerne selbst gestaltet … (und) schloss einen guten Handel ab: Das Weiße Haus wollte Russland in seinem Begehren unterstützen, der WTO beizutreten. Dazu mussten die USA das veraltete Jackson-Vanik-Amendment aus dem Jahr 1974 aufheben, das der Sowjetunion den Status der ‚Meistbegünstigung‘ verweigerte.“ Browder und seine Verbündeten „haben die Aufhebung des Jackson-Vanik-Amendment mit der Verabschiedung des Sergei Magnitsky Rule of Law Accountability Act verknüpft. Dieses Gesetz verbietet Beamten, die in den Tod von Magnitski verwickelt waren, sowie anderen Menschenrechtsverletzern die Einreise in die USA; außerdem wird ihr Vermögen eingefroren.“

Lesen Sie hier die Originalfassung und das detaillierte Abstimmungsergebnis

 

Staatsanwaltschaft legt erneut Berufung gegen vorzeitige Haftentlassung von Lebedew ein

Chodorkowskis früherer Geschäftspartner Platon Lebedew, der gemeinsam mit ihm verurteilt wurde, sitzt seine Haftstrafe in der nordrussischen Stadt Welsk ab. Im August entschied ein Gericht in Welsk, dass Lebedew gemäß veränderter Rechtslage in Russland im März 2013 freikommen sollte. Damit wäre seine dreizehnjährige Haftstrafe um mehr als drei Jahre verkürzt worden. Die Staatsanwaltschaft legte jedoch Berufung gegen die Entscheidung des Gerichts aus Welsk ein. Im September kam ein regionales Gericht in Archangelsk in höherer Instanz dem Antrag der Staatsanwaltschaft nach, machte die vermeintlich „extrem milde“ Verkürzung der Haftstrafe Lebedews rückgängig und verwies den Fall zur erneuten Prüfung an die untere Instanz.

Das Gericht in Welsk bestätigte im November seine Ansicht, dass Lebedew die Voraussetzungen für eine vorzeitige Haftentlassung erfülle. Dieses Mal entschied das Gericht, dass er im Juli 2013 freikommen sollte. Allerdings ging die Staatsanwaltschaft auch dieses Mal innerhalb der dafür vorgesehenen zehntägigen Frist in Berufung. Sie betrachtet die Entscheidung des Gerichts weiter als „übermäßige Verkürzung“ der Haftstrafe.

Die Entscheidung über die eingelegte Berufung der Staatsanwaltschaft gegen die vorzeitige Haftentlassung Lebedews wird für Dezember erwartet. Sie könnte einen Präzedenzfall für eine Entscheidung über einen möglichen ähnlichen Antrag von Chodorkowski schaffen.

Hier und hier wird über Lebedews Kampf für vorzeitige Haftentlassung berichtet

 

Resolution des Deutschen Bundestags – Abgeordnete sorgen sich um Demokratie und Menschenrechte in Russland

Der Deutsche Bundestag verabschiedete eine Resolution, in der er sich besorgt über die Menschenrechtslage und Demokratie in Russland zeigte. Die Resolution führt verschiedene Beispiele an, darunter die Gerichtsverfahren gegen Chodorkowski und den Fall von Vassili Alexanian, ehemaliger leitender Angestellter bei Yukos. Er starb, nachdem ihm im Gefängnis medizinische Versorgung verweigert wurde. Der Bundestag forderte die Bundesregierung auf, Moskau dazu zu drängen, diese Fälle zu untersuchen. Außerdem sollten sie bei den anstehenden deutsch-russischen Regierungskonsultationen Fragen einer Systemreform ansprechen. Mit besonderer Sorge stellte der Bundestag fest, dass in Russland seit dem erneuten Amtsantritt von Präsident Wladimir Putin ein konfrontativer Kurs gegenüber Regierungskritikern gefahren wird.

Mehr Informationen zur Resolution des Deutschen Bundestags finden Sie hier

Pawel Chodorkowski spricht über die russische Opposition und den Fall seines Vaters

Michail Chodorkowskis Sohn Pawel Chodorkowski gab Karel’skaya Guberniya, einer Zeitung aus der Region Karelien, wo sein Vater in Haft sitzt, im November ein offenes Interview. Er sprach über die Grenzen der russischen Opposition und darüber, wie wichtig es sei, jetzt auf die in diesem Jahr erzielten Fortschritte aufzubauen. In diesem Zusammenhang sagte Pawel Chodorkowski: „Der Hauptgrund, warum [die Regierungspartei] Einiges Russland bei Wahlen immer noch wahnsinnig hohe Prozentzahlen einfährt, ist die Tatsache, dass die Menschen, die die Kompetenz der Machthaber anzweifeln, ebenso die Fähigkeiten der Opposition in Frage stellen.“

Nach Meinung von Pawel Chodorkowski verfolgt Wladimir Putin mit dem Fall seines Vaters „zwei ganz konkrete Ziele“: „Zum einen soll mein Vater hinter Gittern bleiben, solange er an der Macht ist, um zu verhindern, dass seine Person der Oppositionsbewegung zu Aufschwung verhelfen könnte. Und zum anderen will er ein Schuldeingeständnis von ihm ... Das wird er von meinem Vater niemals bekommen.“

Der Sohn berichtete außerdem, dass sein Vater zwar stets ein sehr starker Mensch war und das immer noch ist; zehn harte Jahre hätten jedoch auch eine weiche Seite an ihm offenbart.

Das vollständige Interview finden Sie hier

 


Ebenfalls im November schrieb Pawel Chodorkowski in einem Kommentar für die Süddeutsche Zeitung, die größte deutsche Tageszeitung: Es „liegt an Putin selbst, die westliche Kritik, über die er sich öffentlich aufregt, zum Schweigen zu bringen.“ Würde zu diesem Zweck sein Vater freigelassen, wäre das ein Schritt, um „Russlands internationales Ansehen zu erhöhen, seine Märkte für ausländische Investoren attraktiv zu machen und zu zeigen, dass es Russland ernst mit Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechten meint.

 
Den vollständigen Gastbeitrag finden Sie
hier

 

Der Tod von Boris Strugazki

Im November verstarb der berühmte russische Schriftsteller Boris Strugazki. Michail Chodorkowski widmete seinem Lieblingsautor, mit dem er vom Gefängnis aus einen Briefwechsel unterhielt, die folgenden Worte:

„Ich trauere um den geschätzten Schriftsteller Boris Strugazki. Mein aufrichtiges Beileid gilt seiner Familie. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich die Aufmerksamkeit und Unterstützung von ihm und seinen Freunden gewinnen durfte und sogar Briefe erhalten habe. Die visionären Werke der Strugazki-Brüder haben in meinem Leben und im Leben vieler anderer Menschen eine große Rolle gespielt. Ruhen Sie in Frieden, Boris Natanowitsch.“
 

Mehr Informationen über den Schriftwechsel zwischen Chodorkowski und Strugazki aus dem Jahr 2008 finden Sie hier

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Freitag, 26. Oktober 2012

9. Jahrestag der Verhaftung - Neuigkeiten aus dem Chodorkowski-Kommunikationszentrum




Newsletter – 9. Jahrestag der Verhaftung


“Die andauernde Inhaftierung meines Vaters hinterlässt eine bleibende schädliche Auswirkung auf Russland, politisch und wirtschaftlich. Und seine Aussichten auf eine Freilassung sind mit dem aktuellen politischen Klima verbunden.“
 
Pawel Chodorkowski
Heute, am 25. Oktober 2012, beginnt für Chodorkowski das zehnte Jahr seiner Inhaftierung. Nachdem er zwei Schauprozessen ausgesetzt war, hat er bereits mehr als die Hälfte seiner insgesamt 14-jährigen Haftstrafe verbüßt und könnte eigentlich auf Bewährung freikommen. Doch der ehemalige Chef von Yukos verbüßt weiter seiner Strafe im Straflager Nummer 7, einem ehemaligen Gulag in der Nähe von Segescha in der Region Karelien. Kürzlich versuchte Marieluise Beck, Sprecherin für Osteuropapolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen, Michail Chodorkowski im Gefängnis zu besuchen. Aber die Gefängnisleitung untersagte das Treffen, obwohl Chodorkowskis Eltern eigens auf ihr Besuchsrecht verzichtet hatten. Chodorkowskis Martyrium und der Mut, der sich in seinen  Veröffentlichungen widerspiegelt, haben sein öffentliches Image als spiritueller Führer der russischen Opposition weiter verstärkt. Gleichzeit erhöht Präsident Wladimir Putin weiter den Druck auf das Land - und der demokratische Westen sieht scheinbar tatenlos zu.
Aus diesem Anlass hat Pawel, der älteste Sohn von Michael Chodorkowski, einen sehr bewegenden Artikel in der britischen Tageszeitung The Telegraph veröffentlicht, in dem er den Präsidenten der Russischen Föderation auffordert, seinen Vater freizulassen. Der Artikel spiegelt die Bedeutung der letzten neun Jahre der Verfolgung Chodorkowskis durch Putin wider. Chodorkowski steht symbolisch für die Angriffe auf Rechte und politische Freiheiten, die in den letzten Monaten mit der Inhaftierung von Pussy Riot und neuen Verfolgungen auf Basis staatlicher Propaganda-Filme weiter zugenommen haben. „Während für ihn das zehnte Jahr ohne uns beginnt, fühlt sich mein Vater näher - seine Worte ergreifender, seine Ideen eher in der Lage, etwas Revolutionäres auszulösen - als zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten neun Jahren“ schreibt Pawel Chodorkowski.
Anlässlich des Jahrestages seiner Verhaftung verurteilte Marina Schuster, die Sprecherin für Menschenrechte der Liberalen Partei in Deutschland, in einer Pressemitteilung die anhaltende Inhaftierung von Chodorkowski: „Spektakuläre Fälle wie der Chodorkowskis oder der tragische Tod von Sergej Magnitskij in einem russischen Gefängnis sind leider nur die Spitze des Eisbergs. Immer noch gibt es in russischen Gefängnissen unzählige Angeklagte, die auf einen fairen Prozess vergeblich hoffen sowie Verurteilte, die ihre Haft ungerechtfertigt unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen im Gefängnis verbringen. Für den weiteren Dialog ist es unerlässlich, dass Russland endlich seinen Pflichten aus der Europäischen Konvention für Menschenrechte und aus dem Internationalen Pakt für bürgerliche und soziale Rechte nachkommt.“
Kurz vor dem neunten Jahrestag der Verhaftung Chodorkowskis forderten mehr  als 70 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in ganz Europa, darunter Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, der Publizist Roger Willemsen, der Regisseur Leander Haußmann, der ehemalige Außenminister Frankreichs Bernard Kouchner sowie der ehemalige britische Außenminister Sir Malcolm Rifkind in einem offenen Brief an Präsident Putin die Freilassung aller politischen Gefangene wie die verurteilten Frauen von Pussy Riot sowie von Michail Chodorkowski und Platon Lebedew: „Wir alle streben danach, die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen zu verbessern, aber dies ist nur in einem Umfeld möglich, das Rechtsstaatlichkeit fördert, respektiert und garantiert.“
Chodorkowskis Inhaftierung und die Zerstörung von Jukos hatten eine enorme negative Auswirkung auf Russland, welche eine wesentliche Rolle bei der politischen Transformation spielt, die jetzt Russlands Zukunft gefährdet. Um dieses wichtigen Jahrestag zu markieren, wurde unter Khodorkovsky.com/Anniversary ein neuer Abschnitt ins Leben gerufen, wo Veranstaltungen in Russland und auf der ganzen Welt bekannt gegeben werden, um die Opfer, die Chodorkowski erbracht hat, zu würdigen, seine Vision für die Zukunft zu unterstützen und seine Freiheit zu fordern.